pars media // films // Bruckner's Decision // press

// Christoph Zimmermann, Generalanzeiger, Bonn, May 27, 1995
Intellektuell komponierter Filmessay.


// Kölner Stadtanzeiger, May 30, 1995
Der Film, in körnigem Schwarzweiß gedreht, vermittelt in seinem ruhigen Erzähltempo, seinen langen Einstellungen zugleich etwas von der gedehnten Zeitstruktur in Bruckners Musik. Seine ungewöhnliche Perspektive zielt am Problem des Schöpferischen vorbei und läßt es zugleich im biographischen Detail unvermittelt aufscheinen. Der Film "Bruckners Entscheidung" wirkt besonders dort authentisch, wo er die Fiktion zu Hilfe nimmt.


// Kieler Nachrichten, Mar. 20, 1996
Sensibles Porträt, das Bruckners komplizierte Persönlichkeit auch durch Einblicke in die Kindheit und Jugendzeit erschließt.


// Harald Eggebrecht, S√ľddeutsche Zeitung, June 26, 1995
Bilder, die bleiben: Ein stiller See von dunklem Tann umgeben, Regen fällt und tränkt die Luft, ein einsamer Mann mit breitkrempigem Hut und schwarzem Gehrock eilt am Ufer entlang, als wisse er wohin. Der im Irrgarten von Liebe und Angst taumelnde Anton Bruckner ist auf der Flucht vor den Furien erotischer Vergeblichkeit und vor der Unausweichlichkeit des eigenen Genius. Zu erfahren in Jan Schmidt-Garres langsamer Erkundung von Bruckners Entscheidung, ein Genie zu werden.


// Josef Lederle, Film-Dienst 26/1995
Das Interesse Schmidt-Garres gilt der Lebenskrise und dem Wendepunkt des Komponisten, dessen Ringen um eine berufliche Entscheidung zur Folie f√ľr einen philosophischen Essay √ľber die Notwendigkeit einer Bestimmung wird. Angelehnt an Kierkegaards Entweder-Oder-Kategorie thematisiert der Film menschliche Freiheit und die Notwendigkeit von Entscheidungen, ohne sich auf psychologische Erkl√§rungen einzulassen. Bild und Ton sind in diesem fast meditativen Schwarzwei√üfilm weitgehend voneinander entkoppelt, spielen wie die Musik von Bruckner oder Wagner eine eigenst√§ndige Rolle. Wer sich in das Innere der Figuren vortasten will, mu√ü seinem Geh√∂rsinn trauen und S√§tze wie den von Sophie zu Ende denken: "Was ist das f√ľr eine Freiheit, in der alles m√∂glich ist, um den Preis, da√ü nichts wirklich ist?"


// Torbjörn Bergflödt, Badener Tagblatt, Mar. 22, 1996
Handwerklich herausstechend: die lebendige Kameraarbeit.


// aus: Harald Eggebrecht, "Ann√§herungen an einen Unnahbaren. Zu den Bruckner-Filmen von Ken Russell und Jan Schmidt-Garre", Jahrbuch der M√ľnchner Philharmoniker 1994-96
Wie in Ken Russells "Seltsamen Heimsuchungen des Anton Bruckner" steht auch in "Bruckners Entscheidung" der Kur-Aufenthalt in Bad Kreuzen im Mittelpunkt. Regisseur Jan Schmidt-Garre, der 1992 mit einem ungemein einf√ľhlsamen, preisgekr√∂nten Dokumentarfilm √ľber Sergiu Celibidache von sich reden gemacht hat, beobachtet in geradezu aufreizender Langsamkeit und Ruhe seinen Bruckner. Der Schauspieler Joachim Bauer verbl√ľfft durch unheimliche √Ąhnlichkeit mit einer Photographie Bruckners aus dem Jahre 1854, die ihn als elegant gekleideten Herrn zeigt mit kurzgeschnittenem schwarzem Haar und feschem Schnauzbart. Auch Photographien von 1868 zeigen einen noch immer kr√§ftigen Mann in den besten Jahren, keineswegs das sonst so vertraute Greisenantlitz.
Im ganzen Film spricht niemand direkt, abgesehen von ein paar Anweisungen des Pflegepersonals und Jauchzern beim Baden im See. Daf√ľr breitet Schmidt-Garre im Off einen fiktiven Briefwechsel aus zwischen einem unsichtbaren Kurgast, der an Bruckner wach-senden Antel nimmt, und seiner jungen Braut, die den Aufenthalt ihres Verlobten in Bad Kreuzen als Flucht sieht. Neben diesem Hauptdialog l√§√üt Schmidt-Garre einige Passagen Bruckners zitieren, darunter den in seiner kaum beherrschten Dringlichkeit bewegenden Liebesbrief an Josephine Lang.
Im gelassenen, dabei spannungsvollen Flu√ü der Schwarzwei√übilder, im Rhythmus des Kuralltags, gepr√§gt von den sich wiederholenden Ritualen der Heilg√ľsse und -b√§der, tauchen Fragmente aus Bruckners Musik auf. Nicht als Untermalung verstanden, sondern als Ideen-Bruchst√ľcke des sich allm√§hlich seelisch stabilisierenden Komponisten. Bad Kreuzen und die Kaltwassermethoden des Dr. Prie√ünitz sind letzter Fluchtort, Inkubation vor der endg√ľltigen Klarheit, Symphoniker zu werden. Erst nach diesem Aufenthalt wird Bruckner seine bedeutendsten Werke schreiben.
W√§hrend Russells Bruckner als extrovertierter Sonderling erscheint, reift Bruckner bei Schmidt-Garre dem endg√ľltigen Entschlu√ü, sein au√üerordentliches Talent anzunehmen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, stumm und nach innen gekehrt entgegen. Bleiben bei Ken Russell die Anstalt und ihre Umgebung, die Behandlungen folienhafter Hintergrund, r√ľcken sie bei Schmidt-Garre als mitgestaltende Kr√§fte in den Vordergrund. Es ist, als ob der Zuschauer selbst mitbehandelt werde, langsam gleitet auch er in die Macht dieser variationsreichen Wasserk√ľnste, die Bruckners Fixierungen lockern, seine Gedanken und Gef√ľhle verfl√ľssigen. Behutsam und wachsam erkundet Schmidt-Garre den geheimnisvolen, letztlich unaufdeckbaren Pfad zum Genie, ohne Bruckner zu nahe zu kommen. Wo Ken Russell in karikierender √úberzeichnung etwas von Bruckners vielschichtiger Fremdheit erhellt und ihn als kurioses, doch bewunderungsw√ľrdiges Original skizziert, verl√§√üt sich Schmidt-Garre ganz auf den Sog unaufhaltsamer Ver√§nderung: Bruckner nicht als festgef√ľgte, fertige Pers√∂nlichkeit, sondern als dynamischer gro√ü-dimensionierter Proze√ü ganz eigenen Tempos.
Der H√∂hepunkt gleicht schlie√ülich einer Implosion, verdeutlicht in einer suggestiven Sequenz: Bruckner sitzt auf dem Steg am See und lauscht seinem Innern, in dem Wagners "Tristan" t√∂nt. Bis in diese meditative Stimmung jemand laut ins Wasser springt, und noch einer. Bruckner sieht das sehns√ľchtig verehrte M√§dchen heiter mit seinem Geliebten im See spielen, er schl√§gt die H√§nde vors Gesicht. Die "Tristan"-Musik hat ihn und uns keinen Moment verlassen, sie strebt unausweichlich ihrer Klimax und Bruckners seelischem Absturz entgegen. Keine Bilddramatik, nur die H√§nde vorm Gesicht. In der Totalen von See und dunklem Tann ringsum eilt Bruckner dann durch den einsetzenden Regen am Schilfufer entlang, ein einsamer Mann mit breitkrempigem Hut und schwarzem Gehrock, als wisse er wohin. Anton Bruckner, gefeierter Orgelimprovisator und am Beginn einer Komponistenkarriere, ist auf der Flucht vor den Furien erotischer Vergeblichkeit und vor der Unausweichlichkeit des eigenen Genies. Aber er wird sich entscheiden. Da√ü es so ist, wissen wir durch die Musik.