pars media // films // Bound // press

// Gru√üwort des Leiters der Redaktion Musik und Tanz beim Schweizer Fernsehen, Thomas Beck, zur Premiere "Der Gefesselte", M√ľnchen, 14.03.2003

Wir kennen viele Bilder f√ľr Freiheit oder Befreiung in der Literatur. Aber wohl kein anderer Schriftsteller, keine andere Schriftstellerin, hat eine so provokative Freiheitsmetapher erfunden wie Ilse Aichinger in ihrer Geschichte "Der Gefesselte". Es ist ausgerechnet eine Fessel, die hier f√ľr Befreiung, Entgrenzung steht. Ein Paradoxon, das typisch ist f√ľr die gebrochene, gesch√§rfte, verst√∂rende Wirklichkeit in der Literatur Ilse Aichingers.
Als Jan Schmidt-Garre mir vor 4 oder 5 Jahren erstmals von der Idee erz√§hlte, den "Gefesselten" mit den Mitteln eines Tanzfilmes zu erz√§hlen, stand mir die Idee sofort klar und einleuchtend vor Augen. Nur der Tanz schien uns in der Lage, die eigenartige Schwerelosigkeit der Sprache Ilse Aichingers zu √ľbersetzen, ohne das Geheimnis ihrer Bilder zu verraten.
Dank der Choreographie von Saburo Teshigawara und der Regie von Jan Schmidt-Garre ist "Der Gefesselte" weit mehr geworden, als bebilderte - also verflachte - Literatur. Statt dessen transformiert er ein Zeichensystem in ein anderes, neues, ohne dessen empfindliches und komplexes Material zu beschädigen. Ein größeres Kompliment, glaube ich, kann man einem von Literatur inspirierten Film nicht machen.
Ich bedanke mich bei allen, die diesen Film m√∂glich gemacht haben, und w√ľnsche Ihnen einen inspirierenden Abend.


// Horst Koegler, koeglerjournal 2002/2003

Keinen Tanzfilm der √ľblichen Art k√ľndigt der Fernsehsender 3sat f√ľr morgen, Samstag, um 21.45 an: "Der Gefesselte" von Jan Schmidt-Garre nach einer Erz√§hlung von Ilse Aichinger, die ihren Text selbst liest. Beteiligt sind der japanische Choreograf und T√§nzer Saburo Teshigawara als Protagonist, dazu die Schauspielerin Corinna Harfouch und als Gast vom Royal Ballet Jos√©-Maria Tirado Nevado, weiterhin das Fitzwilliam String Quartet mit Ausschnitten aus Schostakowitschs 13., 14. und 15. Streichquartett. Eine wichtige, ausgesprochen stimmungssuggestive Rolle spielen die Naturschaupl√§tze in der Umgebung von M√ľnchen.
Es geht um das Schicksal eines Mannes, der eines Morgens im Gras liegend erwacht und sich gefesselt w√§hnt, an einem Seil, und der sich in diesem Zustand der Behinderung peu √† peu seine identit√§tsstiftende Bewegungsfreiheit erarbeitet und dabei seine eigene Grazie und Anmut entwickelt (Schmidt-Garre sieht darin "eine Parabel auf die Macht der Kunst, auf ihre den Menschen transzendierende Kraft. Auf die Dialektik von Freiheit und Form. Verwandt dem Marionettentheater-Aufsatz von Kleist"). Eines Tages entdeckt ihn der Zirkusdirektor, der von ihm so fasziniert ist, dass er ihn als Attraktion in sein Programm einbaut. Dort verliebt sich dessen Frau in ihn, ohne doch in der Lage zu sein, in seine Welt einzudringen. Im Wald kommt es zu einem Kampf des Gefesselten mit einem Wolf, der ihm instinktiv n√§her steht, und den er durch die Nat√ľrlichkeit seiner Bewegungen z√§hmt. Als die Frau schliesslich seine Fesseln durchschneidet, sieht er sich zur√ľckgeworfen aus seiner Freiheit in die Bodenlosigkeit seiner kreat√ľrlichen Existenz, die ihn zwingt, sich erneut seine Freiheit zu erarbeiten. Er verl√§sst die Frau und den Zirkus.
Entstanden ist dabei ein mehrschichtiges, abstrahiertes Kunstprodukt aus Wort, Musik, Schauspielkunst und Ausdruckstanz, dessen verschiedene Ebenen einander durchdringen und zu einer neuen Symbiose zusammenwachsen, die eine eigene Faszination, eine eigene Poesie besitzt.
Teshigawaras animalische, ausgesprochen exotisch anmutende Expressivit√§t und Geschmeidigkeit, die Harfouch sich mit ihren schauspielerischen Mitteln anzuverwandeln sucht, ohne doch bis zu ihrem Kern vorzudringen, dazu die sehnige Schnellkraft des spanischen T√§nzers als Wolf in dem √§ussert spannend choreografierten Kampf der beiden (der ein bisschen an die Kampftechniken fern√∂stlicher Filme erinnert): das entfaltet sich im Fluss einer nat√ľrlichen Ruhe, die die f√ľnfundvierzig Minuten w√§hrende Auff√ľhrungsdauer des Films zu einem zeitsuspendierenden Sch√∂pfungsmoment dehnen. Im Anschluss an diesen Film sendet 3sat √ľbrigens noch eine Portr√§tstudie Schmidt-Garres √ľber Teshigawara, der ja bei uns haupts√§chlich durch seine Arbeiten in Frankfurt und M√ľnchen bekannt geworden ist.

Mit seinen diversen Filmen √ľber Themen der Musik, des Tanzes und der bildenden Kunst geh√∂rt Jan Schmidt-Garre zu den ambitioniertesten und renommiertesten Fernsehregisseuren auf diesem Gebiet. Sein neuestes Opus bietet eine willkommene Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass er der Sohn von Helmuth Schmidt-Garre ist, der als Musikkritiker des M√ľnchner Merkurs bis zu seinem Tode 1989 zu den prominentesten Vertretern seines Fachs geh√∂rte. Zusammen mit Karl-Heinz Ruppel, seinem Kollegen von der S√ľddeutschen Zeitung, z√§hlte er zu den Pionieren der sich allm√§hlich herauskristallisierenden deutschen Ballettkritik nach dem Krieg, die f√ľr sie, die beide von der Musik herkamen, noch einen ganz anderen kulturhistorischen Stellenwert hatte als das heute der Fall ist. Als Autor der 1966 bei Friedrich in Velber erschienenen Studie "Ballett. Vom Sonnenk√∂nig bis Balanchine" schuf er ein Standardwerk, an dem wir damaligen Novizen unsere ersten Grundkenntnisse √ľber das Ballett erwarben. Schmidt-Garre, Ruppel, Niehaus, der Prinz zu Wied, Regner, Axel Kaun, dazu die st√§ndig im Theatermuseum arbeitenden Mlakars... - mein Gott, was waren das doch noch f√ľr M√ľnchner Zeiten!